Online-Unterrichts-Trott

Man könnte den ganzen Tag in einem Zimmer verbringen – theoretisch, wenn man wollte. Wollen die meisten aber nicht, zu langweilig. Es fehlen Reize, Klassenkameraden, ANDERE Menschen, die man nicht jeden Tag sieht. Es fehlt Bewegung. Man kann Leute beobachten, die spazieren gehen oder immer im Kreis um den Otto-Ackermann-Platz. Beinahe stereotyp sieht das aus. 

Wenn man einen Eisbären über einen längeren Zeitraum hinweg in einem kleinen Zirkuswagen hält, läuft er, auch wenn er nach einiger Zeit in ein deutlich größeres Gehege umgesiedelt wird, immer noch Zirkuswagenförmige Kreise ab. Menschen sind wie andere Tiere – Corona wir nachhallen – auch im Unterricht. 

Die Lehrer/-innen müssen den Schüler/-innen vertrauen: leicht, wie es ist, die „Ja/Nein-Kreuzchenlügen“ auf itslearning zu lassen oder die Hausaufgaben, die abgeschrieben werden. Es gibt keine Vokabeltests oder schriftliche Stundenwiederholungen, um zu überprüfen, ob wirklich gelernt wurde, was aufgetragen war. Die meisten Schüler/-innen scheinen dieses Vertrauen nicht auszunutzen. Pläne werden pünktlich beendet, bei Fragen wendet man sich an die Lehrer/-innen, nur gelegentlich wird in WhatsApp-Gruppen nach Lösungen gefragt. It‘s Learning vereinfacht die Verwaltung der Aufgaben, Aufträge und Benachrichtigungen der Lehrer/-innen. Diese Plattform ist relativ praktisch und übersichtlich, im Vergleich zu anderen Distanzunterricht-Methoden. In anderen Schulen werden Stapel mit den Aufgaben für die Zeit der Schulschließung ohne einzelne Bearbeitungsfristen oder einen Zeitplan verteilt.

An zwei Berliner Schulen bekommen die Schüler/-innen ihre Aufgaben per E-Mail zugeschickt. Sofern die Lehrer/-innen dazu in der Lage sind. Eine Schülerin berichtet, dass ein Lehrer den Bildschirm seines Computers, auf dem sich der Arbeitsauftrag befand, abfotografierte. Dann versandte er das Foto über WhatsApp. Natürlich bietet auch der Umgang mit it‘slearning einige technische Herausforderungen, wie zum Beispiel das Einscannen von Lösungen. Da aber recht schnell Erklärvideos hochgeladen werden, lassen sich diese überwinden. 

Ein Nachteil des digitalen Unterrichts ist vielleicht seine Einseitigkeit. So sind Gruppenarbeiten, Präsentationen, ein Großteil der Experimente und praktischer Sportunterricht nur schwer umsetzbar, was zu einer Filtration der Aufgaben führt. Möglich bleiben hauptsächlich Einzelarbeitsaufgaben aus Schulbüchern oder von Arbeitsblättern. Es gibt keine festen Tagesabläufe mehr: kein Aufstehen um halb sieben, kein „Buskriegen“ um viertel nach und kein „in der Schule sein“ um viertel vor. Man kann aufstehen und schlafen gehen, wann man will. Das erinnert an die Ferienzeit, obwohl eigentlich Unterricht stattfindet. Man ist frei, zu entscheiden, wann Schulaufgaben bearbeitet werden. Doch bearbeitet werden sollen sie. Die Eigenverantwortung der Schüler/-innen steigt, während die Zeit langsamer, zäher dahinzufließen scheint. Die Bearbeitungsfristen liegen meist bei etwa einer Woche, nicht mehr am Ende der Stunde.  Man verfällt in einen langsamen, selbstbestimmten und doch begrenzten Trott. 

Wie wird es sein, wenn wir aus diesem gerissen werden, wieder freigelassen in die Hektik des alten Alltags?